Als mich der Orgel-Virus befiel. Ein Gespräch mit dem Organisten Michael A. Müller

AccompaMe setzt mit diesem Blog-Beitrag den Startschuss für eine Porträt-Reihe.  Diese soll unseren eifrigsten und frühesten Unterstützern gewidmet sein und sie mit ihrem Werdegang und ihren Arbeiten vorstellen. Viel Spaß beim Lesen und Vernetzen!

Der Kirchenmusiker Michael A. Müller aus Leimen ist umtriebig.  Er selbst sieht seine Arbeit und sein vielseitiges Wirken als „Patchwork“: Er spielt und übt (selbstverständlich), komponiert, gibt Unterricht, und tut noch vieles mehr.  Doch ein starkes Grundmotiv zieht sich durch all seine Aktivitäten: Die Liebe zur Orgel.

„Die Orgel ist heutzutage leider nur noch Nebensache (im kulturellem Leben), außer in der Kirche“, konstatiert er fast schon wehmütig.  Dabei ist sie so vielseitig und hat große klangliche Möglichkeiten.  Die Orgelmusik und der Orgelbau wurden immerhin jüngst auch zum Unesco – Weltkulturerbe erhoben. Doch, so merkt er kritisch an, wird diese immense Klangbreite von schmerzlich wenigen Organisten genutzt, und somit nicht annähernd ausgeschöpft.

Er sieht es daher als seine Mission an, die „mehr als 2000 Jahre alte Kultur des Orgel-Spielens am Leben zu erhalten.“  Seine vielen unterschiedlichen Aktivitäten stehen für ihn unter dieser Prämisse. Er möchte eine Wirkung erzielen und so vielen Menschen wie möglich die Schönheit der Orgel nahebringen.

Michael A. Müller im Konzert

Dafür hat er schon ganz unterschiedliche Register genutzt, seit er mit 14 vom so genannten „Orgel-Virus“ befallen wurde.

So spielt und organisiert er Konzerte und gibt Führungen.  Besonders eng arbeitet er mit den städtischen Kindergärten und Grundschulen zusammen, um schon den Kleinsten mit Kinder-Orgel-Führungen sein Lieblingsinstrument näher zu bringen und ihnen zu vermitteln, welch ein wunderbares Instrument die Orgel ist.

Auch in die Ferne zieht es Michael A. Müller auf seiner Mission (Konzert-Flyer Japan, 2014)

Denn wie eingangs schon angemerkt, ist die Orgel fast ausschließlich in der Kirche zu hören, und durch den anhaltenden Rückgang an Kirchenbesuchern für immer weniger Ohren „hörbar“.

Einige seiner jungen BesucherInnen sind dann allerdings so begeistert, dass sie am liebsten gleich selbst an die Tasten wollen.  Hier taucht, laut Müller, allerdings ein weiteres Problem auf.  Die Orgel ist nämlich eigentlich kein klassisches Einsteigerinstrument.  Teilweise, so schmunzelt er, muss sich der musikalische Nachwuchs mit vollem Körpergewicht und -einsatz auf die Pedale stellen. Traditionell beginnt man mit dem Erlernen des Klaviers, um dann nach 3-4 Jahren auf die Orgel zu wechseln.

Der Mensch und das Instrument im Vergleich – auch für Kinder sehr imposant und aufregend.

Dabei muss das nicht zwingend so sein. So begann Müller, leichte Anfängerstücke für die Orgel zu komponieren, damit auch die Jüngsten sich gleich an der Orgel klanglich verwirklichen können.  Die Noten zu diesen Stücken sind nun auch auf Accopame.de zu finden.

Michael A. Müller konzentriert im Spiel

In den von ihm kuratierten Konzertreihen versucht er, nicht zu „akademische“ Stücke auszuwählen.  Müller ist eine sinnliche Musikauswahl wichtig.  In seinen Konzerten und in seiner Programmauswahl findet sich daher meist Orgelmusik, die sinnlich und emotional viel zu bieten hat, ohne dass ein intellektueller Anspruch dabei zu kurz käme. So stehen seine Konzerte und Konzertreihen zumeist unter einem durchgehenden inhaltlichen Aspekt, wie beispielsweise seine Reihe „Bach in den Jahreszeiten“.  Ein roter Faden muss erkennbar sein: Die Hörer und Hörerinnen sollen mitdenken, und die Leitidee soll für sie nachvollziehbar sein.

Michael Müller findet es schade, dass einige Organisten alles in einer einzigen Klangfarbe durchspielen.  So klingt alles eintöniger, als es klingen müsste. Das Instrument gibt schließlich durchaus die Möglichkeit, Klangfarben zu wechseln.  Dies genau ist ja eine der großen Stärken der Orgel.  Müller nutzt sie, fantasievoll. Auch auf den für AccompaMe eingespielten Aufnahmen ist das deutlich zu hören.

In seinen Aufführungen möchte er sein Instrument in seiner ganzen klanglichen Bandbreite spielen.  Er registriert sein Instrument farbiger als viele andere Kollegen, und liebt es, sein Publikum damit zu überraschen.

Auf der website www.weltderorgel.de findet sich immer ein schöner Überblick über Michael A. Müllers kulturelle Arbeit. Zufrieden wäre Müller, wenn seine vielfältigen Aktivitäten dazu beitrügen, ein neues Bewusstsein dafür zu schaffen, wie groß das Spektrum dieses zunehmend vernachlässigten Instruments ist.  Wenn mehr und mehr Leute dächten: „So haben wir unsere Orgel noch nie gehört: So bunt, so farbig, so abwechslungsreich.“

 

Zur Person

Michael A. Müller absolvierte seine Studien (ev. Kirchenmusik und künstlerische Ausbildung Orgel) an der ev. Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg. Neben seiner praktischen Kirchenmusikertätigkeit und pädagogischen Arbeit in Leimen, gibt er regelmäßig Konzerte im Ausland. 2015 wurde er mit dem Titel “Kantor ehrenhalber” für langjährige und besondere Dienste auf einer nebenamtlichen Stelle in der badischen Landeskirche geehrt.

Homepage: http://www.weltderorgel.de/

 

 

 

 

 

Comments

  1. Andreas Förster

    Ein interessanter Artikel mit einem in vielen Punkten leider zu hohen Wahrheitsgehalt. Was bei mir das Ausschöpfen der klanglichen Möglichkeiten angeht, so habe ich das Problem, dass ich keine Setzeranlage habe, um das Fehlen eines Resistranten auszugleichen. Daher muss ich auf Stücke zurückgreifen, bei den wenigen Orgelkonzerten, sie ich spiele, die sich ohne Umregistrieren machen lassen. Ich hatte mal einen Gastorganisten bei mir, der alles auswendig gespielt hat und selbst umregistriert hat. Das hatte zur Folge, dass die Stücke abgehackt waren und keinen Fluss mehr hatten. Das ist dann auch nicht der Sinn von Musik.
    Für mich ist es immer ein heikles Thema. Natürlich möchte ich die Bandbreite der Orgel darstellen, aber wenn das zu Lasten des musikalischen Flusses ist und damit zu Lasten der Musik als solche, muss ich in den sauren Apfel beißen. Dann versuche ich Stücke zu nehmen, die von vorn bis hinten in einer Registrierung zu machen sind. Viele kleine Stücke unterschiedlicher Charaktere.

    Was ich gut finde, ist die Zusammenarbeit mit Kindergärten und Grundschulen, die beschrieben wird. In jedem Frühjahr kommen die vierten Klassen unserer Grundschule in Eisfeld zu mir und bekommen eine Orgelführung. Im Unterricht ist da nämlich Bach das Thema und die Musiklehrerin fand, das müsste man mit einer Orgelführung verbinden. Von daher läuft auch hier die Zusammenarbeit.

  2. MAMusic

    Sehr geehrter Herr Förster!
    Ich bin ganz Ihrer Meinung, dass die Musik selbst nicht unter dem Wechsel von Klangfarben beim Orgelspielen leiden darf. Bei einer gut intonierten Orgel reicht oft das Zuziehen oder Wegnehmen eines einzelnen Registers, um den Klang hörbar zu verändern, Manualwechsel sind ja auch immer möglich, so kann man oft auch ohne Hilfe eines Registranten schöne Klangwechsel erzielen. Natürlich gibt es ja auch genug Musik, bei der Klangfarbenwechsel gar nicht vorgesehen sind, z.B. viele Bach – Präludien. Mir geht es darum, nicht nahezu den ganzen Gottesdienst oder gar ein Konzert in mehr oder weniger dem selben Klang durchzuspielen, wie ich es gerade vor kurzem wieder bei einem Kollegen gehört habe. Zitat:”Ich spiele eigentlich immer nur auf den Prinzipalen, die gefallen mir am besten …”

    MAM